Wie finde ich den richtigen Tierarzt ?
Bemerkung vom Autor: Wenn
im Folgenden von Tierärzten die Rede ist, so können das natürlich auch
Tierärztinnen sein! Wenn im Folgenden von Tierarzthelferinnen die Rede ist,
so können das natürlich auch Männer sein! Das alte Rollenspiel ist ja
sowieso längst überholt: Die allermeisten neueröffneten Tierarztpraxen
werden übrigens von Tierärztinnen geleitet - der Tierarzthelfer allerdings
ist immer noch eine Rarität.
Die Unsicherheit
Mit den Tierärzten ist
es wie mit den Menschenärzten auch. Wenn Sie zum ersten Mal hingehen, wissen
Sie eigentlich nicht genau, was Sie erwartet. Außerdem haben es Ärzte wie
keine zweite Berufsgruppe so an sich, dass sie die Qualität ihrer Leistung
nicht im Vordergrund präsentieren: Es ist gar nicht so leicht,
herauszubekommen, ob Sie einen Guten oder einen Schlechten erwischt haben.
Um auch gleich einmal mit einem weit verbreiteten Irrtum aufzuräumen: Die
niedergelassenen Tierärzte in Deutschland haben weder in der Ausbildung noch
in der Ausstattung und Arbeitsweise einen einheitlichen Qualitätsstandard.
Es sind im wahrsten Sinne des Wortes Freiberufler. Während Sie in der einen
Praxis ein hohes Ausbildungsniveau mit Spezialisierung auf internationaler
Ebene und einen nahezu humanmedizinischen Standard geboten bekommen
(teilweise auch deutlich darüber hinaus), haben Sie es in der nächsten
Praxis um die Ecke möglicherweise mit einem Praktiker zu tun, der sein
"Handwerk" in Bulgarien gelernt hat und demzufolge im Studium von Hund und
Katze so gut wie nichts gelernt hat. Viele Tierärzte lernen auch während
ihrer Assistenzzeit das Pfuschen und benutzen danach Spritzen gleich
mehrmals, kombinieren inkompatible Impfstoffe, sparen sich die (teuren)
sterilen Handschuhe und schrauben Ihrem Tier gebrauchte Implantate ein,
nähen mit unsterilen Fäden und tragen dabei keinen Mundschutz.
Die meisten Tierärzte
gewinnen neue Kunden durch Mundpropaganda: Hundebesitzer tauschen ihre
Erfahrungen beim gemeinsamen Spaziergang aus, Katzenbesitzer fragen ihre
Nachbarn um Rat. Und gleich hier wird es aber auch schon heikel: Erfreulich
für den Berufsstand: die meisten Tierbesitzer sind mit ihrem Tierarzt
zufrieden: von fünf verschiedenen Hundehaltern werden Sie vermutlich auch zu
fünf verschiedenen Tierärzten geschickt. Fragen Sie auch nicht, ob der
betreffende Tierarzt nett ist! Nett sind sie alle! Wer den ganzen Tag seinem
Hobby nachgehen kann und mit putzigen Kreaturen zu tun hat, der ist nett.
Garantiert! Auch das ist kein Unterscheidungsmerkmal. Fragen Sie doch gleich
mal praktischer: sind die Helferinnen nett? Kann ich bequem parken? Sind die
Sprechzeiten so gestaltet, dass ich auch neben Beruf und Kinderbetreuung
noch ausreichend Zeit für einen Besuch habe? Und vor allem: Funktioniert das
Terminsystem? Während Sie im Wartezimmer sich noch nett mit den anderen
Tierbesitzern unterhalten können und dabei einen Kaffee trinken, muß Ihr
Kätzchen in einer engen Box hocken und sich fürchten. Faustregel: je größer
das Wartezimmer, umso länger die Wartezeiten, denn: keiner baut ein
Wartezimmer, das er gar nicht braucht.
Und schauen Sie ins
Internet: Machen Sie sich schlau über die Praxis und ihre
Qualitätsansprüche. Werden die oben beschriebenen Missstände konkret
aufgegriffen oder diskret verschwiegen? Noch einmal:
ein einheitliches
Qualitätsniveau gibt es in Deutschland nicht!
Das wirklich
Wichtige
Für mich als Tierarzt,
der ich die Problematik ja gewissermaßen von links herum betrachte, stellt
sich die Situation so dar: Zunächst einmal brauchen Sie einen Tierarzt für
die Alltagssorgen und „das übliche“. Das wichtigste daran ist, dass Sie ihn
bequem erreichen können, z.B. auch, wenn Ihr Hund mal in eine Scherbe
getreten ist. Das machen Hunde aber selten von 15.00 bis 17.00 Uhr, sondern
grundsätzlich dann, wenn Ihr Mann gerade mit dem Auto die Kinder vom
Schwimmunterricht abholt. Nähe zum Tierarzt ist für mich das wichtigste
Argument. Außerdem erleichtert es oftmals die Diagnose und auch den Umgang
miteinander, wenn der Tierarzt die Örtlichkeiten kennt. Sie können
heutzutage von einer modernen Tierarztpraxis erwarten, dass Ihr Tierarzt
sich ein intensives Spezialwissen über Hunde, Katzen und Kleintiere
angeeignet hat und auch vermeintlich exotische Fragen (was muss ich
beachten, wenn ich mein Kaninchen mit nach Griechenland nehmen will?, mein
Hamster beknabbert sein Rad!, meine Katze pinkelt über den Rand vom
Katzenklo!, u.s.w.) beantworten kann. Andererseits müssen Sie in Kauf
nehmen, dass er von Rindviechern beispielsweise nur das Grundwissen parat
hat. Was soll´s! Haben Sie etwa Rinder?
Sie können auch erwarten, dass Ihr Tierarzt darüber hinaus seine Grenzen
kennt und Sie in wirklichen Spezialangelegenheiten an die entsprechenden
Kollegen überweist. Im Kölner Raum sind wir gut genug mit Spezialisten
„bestückt“. Ein Zahnspezialist ist dabei ein Fachtierarzt mit der
Zusatzausbildung Zahnheilkunde und nicht etwa einer, der samstags morgens
mit seinem Zahnarzt golft. Je mehr Spezialist ein Tierarzt von allem
Möglichen sein will, umso kritischer sollten Sie das sehen: Steht die
Spezialisierung auch vorne vor der Praxis auf dem Schild? Denn nur
Tierärzte, die vor ihrer Kammer eine Prüfung nach ihrer (oft mehrjährigen)
Spezialisierung abgelegt haben, dürfen diesen Titel dann auch "im Schilde"
führen. Der Kniespezialist, von dem Ihnen Ihr Nachbar erzählt, hat dagegen
eventuell nur ein paar Vorträge zum Thema gehört und dafür ein Wochenende in
Baden-Baden "geopfert".
Vertrauen ist
gut ...
Der zweite wichtige
Punkt - wieder aus meiner umgekehrten Sichtweise - ist eine vollständige
Karteikarte. Kaum eine Krankheit lässt sich richtig einordnen, wenn man die
Vorgeschichte nicht kennt: Eine lückenlose Kartei ist da das
allerwichtigste. Tierbesitzer, die dazu neigen, je nach Fall ihren Tierarzt
nach dem Leumund zu wählen, nehmen dabei enorme Nachteile in Kauf. Ein
Tierarzt, der Sie lange genug kennt, sieht Ihrem Tier vieles schon an der
Nasenspitze an. Für den Rest hat er dann noch seine Kartei. Wie also finden
Sie einen solchen Tierarzt? Ich kann Sie nur ermutigen, ihm auf die Finger
zu schauen. Nur das, was Sie selbst beurteilen können, schafft auch
Vertrauen. Und Vertrauen ist der Anfang von Allem. Macht er sich
Aufzeichnungen für seine Kartei?, weiß er noch, was beim letzten Mal los
war?, kann er Ihnen den Zustand und die zu treffenden Maßnahmen so
erläutern, dass Sie es auch verstanden haben? Kann er Ihnen z.B. ein
Röntgenbild so erklären, dass Sie nachher mehr sehen, als schwarz und weiß?
Kann er Sie schließlich zur Mitarbeit motivieren, z.B. indem er Ihnen mehr
abverlangt, als Sie sich eigentlich vorgestellt hatten: 5 Bestrahlungen (das
heißt auch: 5 x wiederkommen!) statt der schmerzstillenden Spritze, die Sie
erwartet hatten, oder eine zusätzliche Blutuntersuchung vor der Narkose,
obwohl Sie dachten, das sei eigentlich nicht nötig? Sehen Sie: dieser
Tierarzt hat bereits Ihr Vertrauen gewonnen, weil er Sie nicht im Unklaren
lässt, Ihnen die Situation erklärt hat in Sätzen, die Sie verstanden haben,
weil er Verständnis hat für Ihr Tier und weil er Ihnen den besten Weg zeigt,
wie Ihr Tier wieder gesund wird. Zu einer erfolgversprechenden Therapie
gehört auch, dass sich Ihr Tierarzt nicht nur für die Krankheit, sondern
auch für die Gesundheit Ihres Tieres interessiert. Wundern Sie sich nicht,
wenn er Sie zu einer Kontrolluntersuchung wiederbestellt, wundern Sie sich
lieber, wenn er es nicht tut! Wundern Sie sich auch nicht, wenn er auf
regelmäßige Checkups besteht, um bei Ihrem älteren Tier eine Früherkennung
möglicher Leiden zu ermöglichen. Genau dies erwarten Sie persönlich ja auch
von Ihrem Hausarzt.
Mit
Einfühlungsvermögen
Viele Untersuchungen
lassen sich bei Tieren nur in einer entspannten, vertrauensvollen Atmosphäre
durchführen. Gerade bei den ersten Besuchen mit Hunde- oder Katzenwelpen
werden hier die Weichen für eine „gute Zusammenarbeit“ gestellt. Beurteilen
Sie, was der Tierarzt unternimmt, um Ihrem kleinen Petzi den Aufenthalt
angenehm und zu einem Erlebnis zu machen. Bei den ersten Besuche beim
Tierarzt werden häufig vor allem Vorsorgeuntersuchungen vorgenommen, die für
den Patienten weder mit Schmerzen noch mit Unannehmlichkeiten verbunden
sind. Dies muss Ihr Tierarzt für sich nutzen können, damit Ihr Tier beim
nächsten Mal mit Freuden wiederkommt. Auch eine Impfung sollte Ihr Tierarzt
ohne bleibenden seelischen Knacks bei Ihrem Tier hinbekommen. Wenn Ihr Tier
schon bei diesen Untersuchungen keinen Spaß hat, wird es sich auch später
verkrampfen und die diagnostische Arbeit erschweren. Ihr Tierarzt sollte das
wissen. Schauen Sie ihm ruhig auf die Finger.
Eine besondere Rolle kommt hierbei den Helferinnen zu. Natürlich können Sie
erwarten, dass sie Ihnen gegenüber am Telefon oder auch in der Sprechstunde
höflich und hilfsbereit sind! Ebenso wichtig ist aber auch, dass die
Helferinnen Ihr Tier verstehen, dessen Namen kennen und sich um das
Wohlergehen des Patienten besorgen. Wenn sich niemand um Ihre Probleme
sorgt, sollten Sie lieber wieder nach Hause gehen! Tierarzthelferinnen haben
einen recht komplexen Job: neben den direkten Ansprechpartnern für Ihr Tier
und für Sie obliegt ihnen die gesamte Organisation der Praxis, gleichzeitig
sind sie für die Hygiene und Sauberkeit der Praxis, die gute Laune, die
Wärme des Kaffees, den Medikamentenein- und -verkauf, die Buchführung, die
Terminplanung, das Blumengießen und tausend andere Sachen verantwortlich.
Wer einen solchen Job ausübt und dann auch noch mit den Tierschicksalen
fertigwerden kann, die manchmal ganz schön an die Nieren gehen können, der
ist ein absoluter Tiernarr und Tiermedizinfreak, sonst hält er den Stress,
die vielen Überstunden und die schlechte Bezahlung nicht aus! Für Sie als
Kunde ist jedoch wichtig: wenn Sie im Sprechzimmer sind, sind Sie die
Hauptperson, Ihr Tier der König und die anderen Probleme dürfen Sie noch
nicht einmal erahnen. Sollte dem Mädchen dieser Spagat zwischen Anspruch und
Wirklichkeit gelingen, geben Sie ihm ein Trinkgeld, wenn nicht, erkennen Sie
aber das Bemühen, dann hat es vielleicht nur Muskelkater vom vielen Spagat.
Lassen Sie sich dann beim nächsten Mal einen Termin zu einer erwartungsgemäß
ruhigen Zeit geben. Herrscht dann immer noch Chaos - goodbye!
Preis-Wert
Ein paar Worte zu den
Preisen: Ich kann verstehen, dass manche Tierärzte das Feilschen überhaben.
Niemand macht es Spaß, seinen Wert nur nach den Sonderangeboten bemessen zu
sehen. Andererseits sollen Sie auch nicht mit der Ungewissheit zum Tierarzt
gehen, nicht zu wissen, ob Sie sich die Therapie leisten können. Es ist nun
mal gerade so, daß tierärztliche Leistungen nicht zu den Dingen des
alltäglichen Lebens gehören und deshalb auch niemand einschätzen kann, was
sie wert sind. Erkundigen Sie sich, mit welchen Zahlungsmitteln Sie Ihrem
Tierarzt kommen können: viele Praxen akzeptieren Kreditkarten, Euroschecks
oder buchen im Lastschriftverfahren von Ihrem Konto. Das hilft auch bei
unvorhergesehenen Besuchen. Wenn Sie schon Preise vergleichen wollen, dann
lassen Sie sich aber auch erklären, was alles darin enthalten ist. Eine
Operation kann für 300 € angeboten werden - ohne Untersuchung, ohne Narkose
(!) und ohne Nachbehandlung - oder für 500 €, dann aber komplett. Was die
Operation ohne Narkose kostet, interessiert Sie aber überhaupt nicht! Es
würde Sie schon eher interessieren, wie die Narkose durchgeführt wird, wie
sie vorbereitet und wie sie überwacht wird. Die Preise der Tierärzte hängen
in vielen Dingen vom verwendeten Material ab. Viele Bedarfsartikel stammen
idealerweise aus der Humanmedizin und sind entsprechend teuer. Ein Tierarzt,
der hier spart, spart eventuell an der Qualität seiner Arbeit um den Preis
des günstigsten Angebots. Das ist nicht Ihr Mann! Sehen Sie zu, dass die
Leistung im Vordergrund steht, achten Sie aber auch darauf, dass die
Preisfindung nachvollziehbar bleibt. Ein Arzt, bei dessen Preisen
grundsätzlich eine Null an der letzten Stelle vor dem Komma steht, kann
unmöglich genau gerechnet haben. Eher schon schnell geschätzt. Bleibt die
Frage, ob er auf- oder abgerundet hat. Ich halte jede Wette, er hat
aufgerundet!
Klinik oder
Kleinbetrieb?
Wie groß muss eine Praxis sein, damit Sie fachlich
qualifizierte Arbeit erwarten können? So groß, dass Ihr Hund, Sie und Ihr
Tierarzt sich noch gleichzeitig in einem Raum aufhalten können. Größe sagt
nichts über Qualität aus, nur über Mietpreise. Natürlich muss ein Minimum an
Equipment da sein, um eine vernünftige Arbeit zu gewährleisten. Wichtig ist
dabei immer, dass Ihr Tierarzt in der Lage ist, eine exakte Diagnose zu
stellen, bevor er mit der Therapie beginnt. Therapien kann man in Büchern
nachschlagen, Diagnosen nicht. Das ist die eigentliche Leistung eines
Arztes. 90 qm reichen, um die erlesensten diagnostischen Hilfsmittel in
Reichweite aufzubauen. Achten Sie also lieber darauf, ob Ihr Tierarzt mit
seinen Geräten auch umgehen kann und damit zu einer definitiven Diagnose
gelangt.
Brauchen Sie eine
Tierklinik? Was überhaupt ist eine Tierklinik? Ein von einem Fachtierarzt
geleitetes Tierhotel. Von modernen Tierarztpraxen unterscheiden sich die
Kliniken in Dingen der Ausstattung oftmals kaum, auch beim Praktiker um die
Ecke finden Sie heutzutage ein Röntgengerät, Zahnabteilung,
Gelenkschirurgie, EKG und die Möglichkeit, Patienten stationär zu
überwachen. Kliniken sind aber häufig wesentlich geräumiger und haben immer
mehr Personal, um auch nachts einsatzbereit zu sein. Dadurch leider auch
höhere Kosten. Achten Sie darauf, dass diese Kosten nicht durch
übertriebenen stationären Aufenthalt und diagnostischen Aufwand auf Sie
abgewälzt werden. Mein Rat: lassen Sie sich in die Klinik überweisen, wenn
Ihr Tierarzt das für nötig hält. Er hat außerdem den Überblick, den besten
Spezialisten für den Job auszuwählen.
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